Oribe

Oribe Keramik | 2013–2014

Artist in residence
Seto, Japan | 1.7. bis 19.8.2013

 

01.07.2013 | 08:35
Ankunft in Nagoya; nach einem zwölfstündigen Flug, drei englischsprachigen Filmen, fünf Mahlzeiten und zwei Imbissen erreiche ich Japan. Es ist mein zweiter Aufenthalt als artist in residence in diesem Paradies für Keramiker, in dem jeder Japaner, jede Japanerin, so scheint es, ein Connaisseur ist.

 

In den kommenden sieben Wochen möchte ich Gefässformen entwickeln als zeitgenössische Interpretationen historischer Oribe-Keramiken. Was das bedeutet? Keramische Gefässe sind in der Regel funktionsgebunden, folgen aber immer auch ästhetischen Prinzipien. Diese sind insbesondere in der Keramik regional verankert. «Interpretation» möchte ich als systematische Befragung von Gestalt, Form, Design, Erscheinung und Farbgebung verstanden wissen. Meine formgebundene Antwort spiegelt das Verhältnis von Geschichte und Zeitgenossenschaft.

10:00
Ankunft in Seto. Vor dem Cultural Center werde ich von rund zwanzig Personen empfangen. Drei Fahnen sind gehisst, die japanische Fahne, diejenige von Seto und die Schweizer. Meine Ankunft wird umfangreich fotografisch dokumentiert, im Anschluss an die Aussenaufnahmen geht es ins Office des Centers, hier wird grüner Tee gereicht. Am langen Tisch begegnet man sich erneut unter den Nationalfarben Japans und der Schweiz, diesmal in Form von zwei Wimpeln. Acht Mitglieder des Cultural Centers, verschiedenen Ranges, nehmen an diesem Empfang teil. Das Wort an mich richtet einzig der Direktor, Hattori-san oder Matsudaira-san, die mich betreuende Kuratorin und Übersetzerin. Die auf dem Tisch liegende Schweizerkarte hilft, den förmlichen Austausch etwas visueller zu gestalten. Nach einem recht lockeren Gespräch ist es Zeit für den geschäftlichen Teil. Ich werde gebeten, meinen Vertrag durchzulesen und zu unterschreiben. Darin ist aufgeführt, für welche Kosten das Center aufkommt und welche Leistungen ich erbringen muss: Kernstück der Vereinbarung ist, dass zwei oder drei der von mir in Seto geschaffenen Keramiken an das Museum des Centers gehen werden. Die Leitung wird diese frei auswählen dürfen. Der Vertrag wird feierlich mit einem Stempel besiegelt. Begleitet von Matsudaira-san und dem Chauffeur trete ich an diesem Mittag in das Atelier ein. Eine Vielzahl von Atelierleitern, Assistenten und Keramikern wartet schon auf uns. Drei von ihnen werden mir als Assistenten zugeteilt, Kato-san, Kuwabara-san und Ito-san – ich bin überrascht, mit dieser breiten Unterstützung habe ich nicht gerechnet. Der Enthusiasmus meiner Assistenten ist ansteckend, aber noch fühle ich mich zu müde, um gleich mit der Arbeit zu beginnen.

 

02.07.2013 | 10:00
Das kleine Seto Ceramics and Glass Art Center beherbergt zwei gut eingerichtete, geräumige Ateliers für Keramik und Glas. Im Sommer und im Winter werden je zwei Künstler eingeladen. In diesem Sommer ist mit mir zusammen der mexikanische Glaskünstler Hector M. Flores ausgewählt worden. Das Center dient der Weiter- und Ausbildung junger Keramikerinnen und Keramiker. Seto ist einer der zentralen Orte japanischer Keramik-Kultur. Dieses kulturelle Erbe wird im Center gepflegt, vermittelt und weitergegeben. Erwartungsvoll stehen wir mit zwanzig weiteren Keramikern im Atelier. Ich gehe in den Ofenraum zu den drei Elektroöfen und den zwei Gasöfen, dem Herzstück eines jeden Keramikateliers. Ihr Fassungsvermögen liegt zwischen 0,5 und 2 Kubikmetern. Ich bin begeistert über die Grösse der Einsetzplatten. Ich kann hier flache Schalen bis zu einem Durchmesser von 40cm realisieren. Die Öfen erreichen Temperaturen von 1300 Grad Celsius. Das ist normal und absolut ausreichend für meine Zwecke.

 

03.07.2013 | 20.00
In den Museen der Umgebung sehe ich zum ersten Mal originale Oribe-Keramiken.
Exkurs: Die sogenannte Oribe-Keramik reicht zurück bis zum Ende des 16./Anfang des 17. Jahrhunderts. Die Namensgebung geht zurück auf Furuta Oribe (1543/44–1615), Teemeister und Samurai, dessen ästhetische Grundsätze ihn zur Leitfigur einer neuen keramischen Tradition erhoben. Geometrische Formen und die Einbindung innovativer Dekore inspiriert durch Textilien sowie der Gebrauch von Schriftzeichen als Dekorelemente zeichnen die Oribe-Keramiken aus. Man unterscheidet Oribe-Keramik nach der Farbe ihrer Glasur, schwarze und grüne Oribe. Diese Töpferware mit ihrer dynamischen Struktur, den stark kontrastierenden Farbflächen und den geometrischen Formen und Dekorelementen wirkt auf den heutigen Betrachter unglaublich frisch und modern.

 

04.07.2013 | 10:00
Ich beginne meine praktische Untersuchung mit der Auswahl dreier Grundformen: Der Kreis, das Quadrat und das Hexagon. Dem Kreis ordne ich transluzides Porzellan und eine seidenmatte Seladonglasur zu. Für das Quadrat wähle ich einen ortsspezifischen Steinzeugton und eine grüne Oribe-Glasur aus. Das Hexagon stelle ich aus einem anderen ortsspezifischen Steinzeugton her und glasiere es mit einer matten, schwarzen Oribe-Glasur. In tagelangen Versuchsreihen giesse, forme und brenne ich jede Grundform mit unterschiedlichen Tonerden der Region und Techniken. Unzählige Probeplaketten werden mit allen Variationen von grünen und schwarzen Glasuren begossen. Auf dem transluziden Porzellanton werden hellblaue Seladonglasuren getestet. In intensiven Gesprächen mit meinen Assistenten, den Leitern des Centers und mit befreundeten Keramikern bespreche ich die typischen japanischen, horizontalen Formen und die Ergebnisse der in zahlreichen Bränden entstandenen Probestücke.

 

13.07.2013 | 22:00
Eine Auswahl meiner Werkzeuge habe ich nach Seto mitgenommen. Am Ende des heutigen Tages hat meine Assistentin beim Putzen und Aufräumen des Arbeitsplatzes ein kleines Teilchen von meinen Gipswerkzeugen verloren. Wir suchen gemeinsam vergebens danach. Für mich ist dies unproblematisch und ich beruhige sie und wir gehen gemeinsam nach Hause.

 

14.07.2013 | 10:00
Heute hat Kuwabara-san ihren einzigen freien Tag in der Woche. Ich ahne bereits Schlimmes. Und so kommt es auch. Strahlend läuft sie im Atelier auf mich zu und übergibt mir das fehlende Teilchen, dann geht sie nach Hause. Warum ich das erzähle? Die Stimmung im Center habe ich als ausgesprochen heiter erlebt. Die Angestellten sind voll und ganz für ihren Arbeitgeber da. Manchmal kommt aber auch der Direktor und bringt für alle Eiscreme, der Vizedirektor repariert schon mal die Klimaanlage oder mäht den Rasen. Und überall ist er spürbar, der Wille zur Bestleistung. Die Glasurproben, die wir heute aus dem Ofen zogen, sehen vielversprechend aus.

 

15.07.2013 | 08:00
Alle Schalen, die ich bis jetzt in Porzellan gegossen habe, sind gerissen. Warum nur?

 

15/16.07.2013 | 10:00
Ich bespreche den Schaden mit den Atelierleitern und meinen Assistenten. Die japanischen Porzellanerden besitzen einen wunderbaren, weissen Farbton, aber, so wurde mir erklärt, sie sind ausgesprochen kapriziös. Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als noch ein Dutzend Schalen zu giessen und mich in dieser mir eigentlich sehr vertrauten Arbeitsweise zu perfektionieren.

 

24.07.2013 | 09:00
Ich habe mich dazu entschlossen, mein Set zu erweitern, das zunächst aus nur drei Schalen bestehen sollte. Mein Konzept sieht nun vor, zwei Holzschalen unterschiedlicher Farbgebung in Gestalt einer symmetrischen Blume und zwei Holzschalen in Form eines Hexagons anfertigen zu lassen, denn im sogenannten Oribe-Stil wurden auch Lackarbeiten hergestellt. Der Urushi-Meister Nishimura Kei (Keikou Nishimura Urushi Art Studio) wird sie nach meinen Zeichnungen fertigen, lackiert in einem dunklen Rot (Kakuchi) und im Schwarz und dunklen Grün der traditionellen Oribe-Farben. Doch zuerst wird er mir ein paar Proben vorlegen. In einer Woche, bei meinem nächsten Besuch in Kyoto, kann ich die Proben in seinem Atelier abholen. Grosse Schwierigkeiten bereiten mir die floralen Motive.

 

30.07.2013 | 20:00
Der Werkrhythmus im Center ist sehr intensiv. Von Mittwoch bis Montag wird hier gearbeitet. Dienstags aber ist Ausflugstag. Am 09.07. sind wir mit Matsudaira-san und dem Vizedirektor Kato-san des Cultural Centers nach Sanshu Asuke Yashiki gefahren. Es handelt sich um eine Art Freilichtmuseum und liegt in der Nähe von Toyota, rund 35 km vom Center entfernt. Die Häuser der Anlage sind im alten Stil mit Reisstroh bedeckt und jedes Gebäude beherbergt eine eigene Handwerkstradition vom Strohsandalenschnüren bis zum Papierschöpfen. Vor meinem inneren Auge erscheint die Anfangssequenz aus Akira Kurosawas Die sieben Samurai mit dem Blick auf das kleine Bauerndorf. Beim heutigen Ausflug in Kyoto entdecke ich eine Schachtel Rakugan (Zuckerblüten). Endlich habe ich mein florales Motiv gefunden. Ich stelle die kleine Schachtel neben mein Bett.

 

31.07.2013 | 10.00
Aus der rosafarbenen Box wähle ich die Pflaumenblüte und vergrössere sie. Nun erfolgt die Herstellung der Gussform. Die Zeit reicht nicht mehr aus, um in Seto die Porzellanform der Blüte herzustellen. Die von mir gewählte silberne Glasur ist für mich Neuland. Mit viel Geduld und Lächeln erklärt mir mein Team die technischen Herausforderungen dieses Dekors. Ich schreibe alles in mein Brenntagebuch.

 

10.08.2013 | 20:00
Ich habe das Dekor meiner schwarzen Oribeplatten festgelegt. Von den kleinteiligen Dekoren ausgewählter, aber repräsentativer historischer Oribe-Keramiken habe ich Ausschnitte bestimmt und stark vergrössert. Traditionelle Schauseiten eliminiere ich zu Gunsten einer Allansichtigkeit.

 

14.08.2013 | 10:00
Heute wird gebrannt. Nahezu das gesamte Set verschwindet in den Öfen, wenn jetzt etwas schief geht, fahre ich ohne ein einziges Stück Keramik nach Hause!

 

16.08.2013 | 10:00
Die Öfen waren gnädig. Eine Hälfte der grünen Schalen ist mit ihrer perfekten Oberfläche und den kräftigen Farbkontrasten ein wahres Geschenk. Die schwarzen Scherben sind durchwegs gelungen. Aber auf den seladonfarbenen Schalen liegt ein brauner Schleier. Im Gespräch mit dem Direktor und den Assistenten analysieren wir die Ergebnisse. Man bietet mir sogleich an, die Schalen nach meiner Rückkehr für mich nochmals zu giessen, zu brennen und sie mir nach Bern zu senden.

 

17.08.2013 | 14:00
Hattari-san und Matsudaira-san treffen heute ihre Auswahl für das Museum. Ein wichtiger Moment nach fast zwei Monaten intensiver Arbeit in Seto. Vorsichtig schlage ich ihnen vor, ein ganzes Set meiner Arbeit zu wählen, ergänzt mit einer von Nishimura Kei lackierten Holzschale und dem noch von mir herzustellenden Silberschälchen. Der Vorschlag wird lächelnd angenommen. Ich freue mich über die gelungene Gruppe.

 

18.08.2013 | 18:00
Heute gibt es eine Abschiedsparty für mich. Alle kommen noch einmal zusammen, um sich zu verabschieden. Bei einem ausgezeichneten Buffet tauschen wir uns ein letztes Mal aus. Nahezu sieben Wochen haben wir zusammen gearbeitet, zusammen gelebt und diskutiert. Es war eine intensive und lustige Zeit. Das Gelingen meiner Arbeit ist zu einem bedeutenden Teil auch meinem Team in Seto zu verdanken.

 

19.08.2016 | 07:00
Der Direktor, Matsudaira-san und der Chauffeur bringen mich zum Flughafen. Ich stelle mich in die Schlange zum Einchecken. Sie warten solange, bis ich hinter den Absperrungen verschwinde. Ein letztes Winken ... Sayonara.

 

24.08. – 30.10.2013
Zurück in Bern giesse ich noch das Silberblümchen. Im dritten Brand wird das glasierte Schälchen mit dem Glanzmetall Silber veredelt und bei 750 Grad eingebrannt. Die mündliche Anleitung in Seto erweist sich in der Umsetzung schwieriger als gedacht. Mein erster Versuch endet kläglich; das Silber haftet nicht auf der gesamten Fläche, das darunterliegende weisse Porzellan schimmert durch. Mehrere Fehlbrände veranlassen mich, das Problem per E-Mail mit der Atelierleiterin Yasumin-san und Matsudaira-san zu lösen. Nach ausführlichen Ratschlägen und langen Versuchsreihen gelingt es mir endlich, das Silber in der richtigen Stärke aufzutragen. Ich sende, wie versprochen, die kleine silberne Schale nach Seto. Das Set wird am 01. Februar 2014 in der Ausstellung Exhibition of invited artists zu sehen sein.

 

10.12.2013 | 16:00
Post aus Seto. Ich öffne das erste von drei grossen Paketen, die Bläschenfolie ist widerspenstig, im weissen Seidenpapier leuchtet das luzide Seladon (...).

 

Margareta Daepp und Susanne Schneemann


Oribe

2014 | Quadrat: Steinzeugton mit grüner Oribeglasur — Blume: Holz mit schwarzem Urushi-Lack | Ø 26cm, h 2,1 cm


Oribe

2014 | Kreis: Porzellan mit Seladonglasur | Ø 35,5cm, h 2,6cm Blume: Holz mit dunkelrotem Urushi-Lack | Ø 26cm, h 2,1cm Blüte: Porzellan mit Silberglasur | Ø 15,3cm, h 1,4cm


Oribe

2014 | Hexagon 1: Holz mit dunkelgrünem Urushi-Lack | 30,8 x 35,7cm, h 6cmKreis: Porzellan mit Seladonglasur | Ø 35,5cm, h 2,6cmBlume: Holz mit dunkelrotem Urushi-Lack | Ø 26cm, h 2,1cmBlüte: Porzellan mit Silberglasur | Ø 15,3cm, h 1,4cmQuadrat: Steinzeugton mit grüner Oribeglasur | 22,8 x 22,8cm, h 3cmHexagon 2: Steinzeugton mit schwarzer Oribeglasur | 34,2 x 39,5cm, h 1,5cm


Oribe

2014 | Hexagon 1: Holz mit dunkelgrünem Urushi-Lack | 30,8 x 35,7cm, h 6cmHexagon 2: Steinzeugton mit schwarzer Oribeglasur | 34,2 x 39,5cm, h 1,5cm


Oribe

2014 | Hexagon 1: Holz mit dunkelrotem Urushi-Lack | 30,8 x 35,7cm, h 6cmHexagon 2: Steinzeugton mit schwarzer Oribeglasur | 34,2 x 39,5cm, h 1,5cm


Oribe

2014 | Kreis: Porzellan mit Seladonglasur | Ø 35,5cm, h 2,6cmBlume: Holz mit schwarzem Urushi-Lack | Ø 26cm, h 2,1cmBlüte: Porzellan mit Silberglasur | Ø 15,3cm, h 1,4cm


Oribe

2014 | Hexagon 1: Holz mit dunkelrotem Urushi-Lack | 30,8 x 35,7 cm, h 6cmHexagon 2: Steinzeugton mit schwarzer Oribeglasur | 34,2 x 39,5cm, h 1,5cmKreis: Porzellan mit Seladonglasur | Ø 35,5cm, h 2,6cmBlume: Holz mit dunkelrotem Urushi-Lack | Ø 26cm, h 2,1cmBlüte: Porzellan mit Silberglasur | Ø 15,3cm, h 1,4cmQuadrat: Steinzeugton mit grüner Oribeglasur | 22,8 x 22,8cm, h 3cmBlume: Holz mit schwarzem Urushi-Lack | Ø 26cm, h 2,1cm


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